Brücken zwischen Psychotherapie und Spiritualität – Harald Walach – Schattauer – Rezension

Harald Walachs „Brücken zwischen Psychotherapie und Spiritualität“ ist eine ergiebige Fachliteratur für Psychotherapeuten, aber auch für interessierte Personen und Klienten. Das Buch erschien 2021 im Schattauer Verlag.

Das zentrale Anliegen dieses Buches ist es, gemäß des Titels eine Brücke zwischen zwei Themen zu bauen, die voneinander getrennt scheinen und nun dringend eine Verbindung brauchen. Walach schafft dies, indem er Gemeinsamkeiten von Psychotherapie und Spiritualität herausstellt, Missverständnisse auflöst, Denkanstöße gibt und alltagsnah aus seiner Arbeitspraxis berichtet.

Interdisziplinäre Bücher reizen mich immer besonders, denn hier kommen Autoren zu Wort, die sich nicht nur einem Fachthema verschreiben, sondern versuchen Vorhandenes zu kombinieren, um so das Leben in seiner Ganzheitlichkeit zu betrachten.

Als Buch mit knapp 40 Seiten Literaturanhang ist es ein durchaus gut recherchiertes, fundiertes aber für einige Menschen sicher auch provokantes Werk. Es ist in einen theoriegeleiteten ersten und einen praktischen zweiten Teil gegliedert. Walach berichtet von Klienten und Beispielen aus seiner Arbeit sowie der seiner Kollegen und Kolleginnen und gibt oft ganz praktische und einfache Übungen mit an die Hand. Eloquent, anschaulich und durchaus unterhaltsam nähert sich Walach den drängenden Fragen der Menschheit wie; „Gibt es Gott?“ und „Was ist Bewusstsein?“ und den drängenden Fragen von Therapeuten, wie z.B.; „Was tue ich, wenn mein Klient von übernatürlichen Erlebnissen berichtet?“

Religion und Spiritualität wurden bislang aus fast allen psychotherapeutischen Verfahren ausgeklammert und haben auch in der therapeutischen Ausbildung noch nicht den Stellenwert, der ihnen zukommen sollte. Warum es dies zu ändern gilt, wird spätestens mit der Lektüre dieses Buches klar. Denn als Psychotherapeut kommt man an den existenziellen Fragen des Lebens gar nicht vorbei, denn nicht selten quälen die Patienten existentielle Konflikte und Sinnfragen. Spiritualität ist eine Ressource, die für eine fundierte Psychotherapie genutzt werden sollte, denn eine psychotherapeutische Problemstellung ist auch oft eine spirituelle. Patienten befinden sich gefangen in der Vergangenheit (Trauma) oder der Zukunft (Angst) – das Problem ist, sie sind nicht in der Gegenwart. Achtsamkeit und Gegenwartsbewusstsein sind die zentralen Elemente einer spirituellen Lebensweise und auch bei der Lösung der psychischen Herausforderungen beteiligt. Die persönliche Glaubenswelt ist nichts was der Klienten „an der Garderobe abgibt“, wenn er zum Therapeuten geht – wie Kenneth Pargament so schön sagt. Es wäre daher fast fahrlässig für eine nachhaltige Therapie diese Ressource nicht zu nutzen.

Dass dies ein wirklich gutes und „rundes“ Buch ist, zeigt sich für mich durch Wallachs Perspektivenwechsel von der Arbeit des Psychotherapeuten mit seinem Klienten hin zur Arbeit des Psychotherapeuten mit sich selbst. Mit seiner „Begriffsarchäologie“ lädt Walach dazu ein, sich selbst noch einmal tiefer mit Themen wie Moral, Professionalität und z.B. dem Thema Burnout, das Therapeuten leider viel zu ereilt, zu befassen. Dies macht die „Professionalität“ des Buches ebenso aus, wie der zentralen Satz am Ende seines Vorwortes mit der Intention, dass sein Buch Anstoß zum Dialog geben soll und jeden dazu anregen möge, sich ein selbst tiefer damit zu beschäftigen und nicht blind seinen Ausführungen zu glauben.

Etwas näher zu hinterfragen, gilt aus meiner Sicht seine nicht ganz trennscharfe Verwendung von Spiritualität und Religion. Für ihn sind sie wie Inhalt und Form eines Gedichtes – das eine geht nicht ohne das andere. Diesen Punkt sehe ich deutlich anders, sowohl vor als auch nach den Ausführungen in seinem Kapitel darüber.

Darüber hinaus macht er aber mit seiner pointierten Schreibweise oft komplizierte Sachverhalte auch für Laien verständlich, dennoch ist es keine leichte Abendlektüre, die ich daher nur wirklich interessiertem Publikum empfehle. Für fortgeschrittenes Publikum gibt es z.B. ein Kapitel über quantentheoretische Betrachtungen, die aber z.B. auch meinen Horizont beim nur einmaligen Lesen überfordert haben.

Aus dem Buch sollte man mitnehmen, dass die „beiden Welten“ eigentlich mit unserem heutigen Wissenstand keine getrennten mehr sein sollten, denn in der Tiefe sind sie sich gar nicht so unähnlich. Sie greifen wunderbar ineinander und ergeben oft erst in ihrer Kombination etwas Heilsames. Therapeuten dürfen sich durch das Buch eingeladen fühlen, Klarheit über ihre eigenen spirituellen Ressourcen zu gewinnen und dieses Thema in ihre Arbeit mit ihren Klienten einfließen zu lassen, um sich davon überraschen zu lassen, welchen großen Nutzen die Einbeziehung der spirituellen und religiösen Dimension durch Methoden wie Achtsamkeitsübungen und Meditation haben.

Die heilende Kraft liegt in Betrachtung der Ganzheit von Körper, Seele und Geist. Das Buch leistet einen bedeutsamen Beitrag und schlägt eine Brücke für den dringend benötigten Perspektivwechsel.

Rückmeldungen

  1. Spannendes Buch! Danke für die Rezension! Die Brücke zu schlagen zwischen den wissenschaftlich fundierten Therapieverfahren und dem Thema Spiritualität ist lange fällig. Prima, dass dieses Thema jetzt durch etablierte Therapeuten aufgegriffen wird.