Zwänge – Hilfe für ein oft verheimlichtes Leiden, von Burkhard Ciupka, Walter-/Patmos-Verlag, 2001 – Rezension

Anmerkung d. Redaktion: Von Zeit zu Zeit rezensieren wir auch alte Ausgaben von Büchern. Gerade durch den zeitlichen Abstand der Veröffentlichung finden sich oft einige bemerkenswerte Auffälligkeiten, die durch Entwicklungen in den letzten Jahren bedingt sind. Damit bietet sich auch ein Blick auf die zum Teil rasante fachliche und gesellschaftliche Veränderung … doch manche Inhalte “altern” auch nie! So auch hier:

Das heute, im Jahr 2023 zu besprechende Buch aus dem WALTER Verlag, ist laut Impressum aus dem Jahr 2001. Dass das Buch somit schon etwas älter ist, merkt man dem Buch leider sehr an. Über 20 Jahre Forschung und Erkenntnisgewinn seit dem Erscheinen des Buches, kann man nicht verleugnen – schade, dass hier eine Originalausgabe aus 2001 und nicht eine aktualisierte Fassung zur Rezension vorlag.

Vorab ein paar Worte zum Vorwort, auch wenn das für Rezensionen unüblich sein mag. Das Vorwort ist zwar nur 3 Seiten lang; es ist aber mit sperrig-langen Wurmsätzen, z. T. über einen kompletten Absatz hinweg, geschrieben. Bereits hier wird intensiv für die DGZ (Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen e. V.) geworben, wie mehrfach im weiteren Verlauf der Lektüre. Den vom geschätzten Vorwort-Schreiber gelobten „…verständlichen Text…“, empfand ich nach der Lektüre des gesamten Buches anders. Gelinde gesagt: als einen in „einfacher“ Sprache verfassten Text, der sich mehrfach einem sich wiederholenden Inhalt bedient, und letztlich zu oberflächlich bleibt.

Doch nun zum Inhalt der anderen Kapitel. Die motivierende Einleitung „Dieses Buch will Betroffenen Mut machen…“, deutet bereits darauf hin, dass das Buch für betroffene „Laien“ geschrieben ist. Hier findet sich auch gleich der nächste Hinweis auf die DGZ: „Unser Konzept basiert auf…“ Dieses Marketing in eigener Sache taucht immer wieder im Buch auf. Durch die Mehrfachnennung wirkt es manchmal wie eine Werbebroschüre vermischt mit fachlichem Inhalt für Laien.

Der Autor wechselt von wissenschaftlich fundierten DSM-Referenzen (z. B. Prävalenz, S.16), hin zu teilweise veralteten Vergleichen („…aus dem Jahre 1913“, S. 17). Scheinbar nutzte man im Erscheinungsjahr 2001, durchaus noch Wörter wie „Spleen“ (S. 29 u. weitere), „Denkapparat“ (S. 24), „zählebig“ (S. 42), Vermischung von „Gehirn“ und „Geist“ (S. 55). Doch eine banale Reduzierung von komplexen Vorgängen auf eine derartige Wortwahl, dürfte auch 2001 keinesfalls angemessen gewesen sein.

Neben den sich wiederholenden Hinweisen auf die DGZ, wiederholen sich auch bestimmte Kernaussagen, über die Kapitel hinweg. „Eine Behandlung ist daher zum frühen Zeitpunkt sinnvoll…“ (S. 41, S. 109 unten, u. weitere) – dieser Allgemeinplatz wird so oft wiederholt, dass man dem mit kognitiver Verhaltenstherapie arbeitenden Autor unterstellen könnte, dass nur durch permanente Wiederholung der Leser verstehen kann, dass dieser Punkt wichtig ist.

Einige Erklärungsversuche (z. B. „Der Begriff Ritual stammt eigentlich aus…“, S.48) dürften die Leser langweilen, denn eine gewisse Allgemeinbildung darf wohl vorausgesetzt werden. Dadurch kommt mutmaßlich der Verdacht auf, dass das Buch mit mehreren Absätzen gefüllt wurde, um auf eine ansprechende Seitenzahl zu kommen. Weiteres Beispiel hierzu: „Wenn meine Heizung kaputt ist …“ (S. 85).

Wie oberflächlich bestimmte Themen z. T. abgehandelt werden, zeigt exemplarisch das Kapitel, oder vielmehr der kurze Absatz, über den Zusammenhang zwischen Zwang und Sexualität (S 49-50).

Wenn dann noch in komprimierter Form „Es“, „Ich“ und Über-Ich im Schnelldurchgang erklärt werden (S. 52), von „Selbst“ zwar geschrieben wird, aber leider vergessen wurde dieses ebenfalls zu erklären, so sagt das m. E. einiges aus. Hinzu kommen Banalitäten als Beispiele (S. 55, „… Verbindung zur Direktion abgebrochen, … weil der Direktor keine Rückmeldung erhält …“, S 62, „…dass der Geist auf den Körper und umgekehrt der Körper auf den Geist wirkt“) und einfachste Wortwahl (S. 55, „Es ist als ob das Gehirn sich selbst nicht mehr traut“). „Bei Komorbidität gestaltet sich die Behandlung aufwändiger…“ – welch eine Erkenntnis (S. 73).

 Selbst Mutmaßungen finden sich im Text: „Wahrscheinlich ist der Grund für diese Vorliebe … (S. 61 u. weitere), „Ich vermute…“ (S. 74 oben).

Auf Seite 66 findet sich der nächste Werbeblock für die DGZ, allerdings zusammen mit einem unspezifiziertem „wir“ („In einer Untersuchung haben wir…“ – wer?).

Die gut gemeinten Gegenüberstellungen in den Tabellenkästen (S. 74 ff.) wirken unwissenschaftlich und sind keinesfalls ein Ersatz für die fehlenden Differentialdiagnosen. Dass stoffgebundene Süchte erst im „Späteren Erwachsenenalter“ beginnen (Tabelle S. 77), ist m. E. nicht richtig.

Ab Kapitel 5 ist die durchgehende „message“ in etwa: „Verhaltenstherapie ist das Beste überhaupt – vergessen Sie den Rest“. Das ist typisch für einen Vertreter der Verhaltenstherapie, der der Autor ja ist. Als psychologischer Psychotherapeut mit Schwerpunkt VT (lt. Website) kann er wohl nicht neutral sein. Als Autor sollte er das aber. Ironischerweise moniert er genau das („…jede Schule nimmt für sich in Anspruch, die einzig Wahre zu sein“, S. 85), obwohl er bei der Aufzählung der Psychotherapieformen z. B. die Tiefenpsychologie komplett weglässt bzw. übergeht. Seinen Schwerpunkt betont der Autor vermutlich daher übermäßig (S. 92 ff.) und über mehrere Seiten im Detail. Sein Resümee zu anderen Therapieformen könnte so lauten: „Das ist aber leider ein Irrweg“ (S. 113).

Eine gewisse kritische Haltung gegenüber anderen Therapeuten lässt sich herauslesen: „Manchmal stellt der Therapeut…eine falsche Diagnose“ (S. 107), „…von schwarzen Schafen unter den Therapeuten“ (S. 108), „Leider kommt es selten vor, dass die Vertreter …“ (S. 112 oben). Wohingegen er gleich darauf fast ein Heilversprechen durch die VT abgibt: „…eine völlige Befreiung von ihrem Symptom“ (S. 109).

Dass sich die im letzten Absatz des Buches angegebene Adresse, Telefonnummer und Sprechzeiten der DGZ bis heute geändert haben und somit für Betroffene zu Irritationen führen dürften, ist dem Buch nachzusehen, da das Druckdatum über 20 Jahre her ist.

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