Destruktive Paarbeziehungen. Das Trauma intimer Gewalt – Jochen Peichl – Klett-Cotta – Rezension

Buchtitel, die mit negativen Begriffen anfangen, liest man wohl nur, wenn es berufliche Gründe dafür gibt. Die professionelle Motivation wird durch die Beanspruchung aufgrund der Schwere der menschlichen Tragödien, um die es inhaltlich geht, gebremst.

Paarbeziehungen können sich destruktiv entwickeln, besser gesagt: können von den Handelnden destruktiv gestaltet werden, und sogar traumatische Spuren hinterlassen. Sogenannte „intime Gewalt“ kann vielfältig in Erscheinung treten. Die Handelnden kehren ihre zerstörenden Facetten nach außen, gleichzeitig ihre zerstörten. Wenn die Handlungsmuster ineinandergreifen, kommt eine Psychodynamik in Gang, die nur mit professioneller Hilfe gestoppt, gebremst oder gegebenenfalls wenigstens bei der Hilfe suchenden Person so psychotherapeutisch bearbeitet werden kann, dass Wunden heilen und vernarben können.

Dr.med. Peichls Verdienst ist, dieses relevante Thema aufgegriffen zu haben. Sein Interesse ist es insbesondere, auch weibliche Gewalt gegen Männer darzustellen. Er praktiziert und lehrt die Ego-State-Therapie auf Grundlage des Modells des US-amerikanischen Psycholog*innen-Ehepaars Watkins (inzwischen verstorben). Peichls medizinisch-psychoanalytische Sicht durchzieht das Buch, entsprechend der zitierten Literatur, wenn es um Neurobiologie, Hormone oder Physiologie geht. Aber selbst bei den ganzseitigen Abbildungen (174f) zur „Spirale der Gewalt“ wird ausschließlich von „medizinischer Behandlung“ gesprochen. Paarbeziehungen, Intimität, Gewalt, Trauma sind aber vor allem psychologische Fragestellungen und sollten auf psychologischem Fundament analysiert und bearbeitet werden.

Zum Buch: Es gliedert sich in 11 Kapitel und ein umfangreiches Literaturverzeichnis (S. 224-239), dass auf dem Erkenntnisstand von 2007 (neueste zitierte Veröffentlichungen) basiert. Abbildungen veranschaulichen die Ausführungen (so Glasls Konflikteskalations-Stufen, S. 159). Viele empirische Ergebnisse basieren auf US-amerikanischem Kulturhintergrund.

Das zentrale Kapitel ist sicherlich das 10. „Die destruktive Paarbindung: Warum ist sie so stabil?“ (S. 176-200), das aber konkludent psychoanalytisch-biologisch gefangen ist, wenn es um „Projektion männlicher Minderwertigkeit in die Frau als Opfer“ oder die „neurobiologische Perspektive“ geht. Auch in diesem Kapitel bezieht sich Peichl auf US-amerikanische Untersuchungen, bei denen z.T. „Rekruten“ befragt wurden. Schlussfolgerungen oder Übertragungen auf zivile Allgemeinbevölkerung in unserem Kultur-Raum halte ich für nicht unbedingt aussagestark.

Die geschlechtsspezifischen Muster der Gewaltspirale werden in Kapitel 4 als „Balance auf einer Messersschneide“ (S. 57) und immer wieder zuschnappende Beziehungsfallen dargestellt. Tragisch ist die „Illusion, eine erneute Gewalteskalation verhindern zu können“ (S. 59). Die psychischen Konsequenzen hinsichtlich Schuld und Selbstwertgefühl sind gravierend.

Die Plausibilität des Textes ist verführerisch. So geht natürlich Rilkes Panther-Gedicht (S. 214) unter die Haut als Veranschaulichung der „erlernten Hilflosigkeit“ oder Ausweglosigkeit in destruktiven Beziehungen. Und auch der depressive Dialog (S. 221) zwischen Romy Schneider und Fabio Testi aus „Nachtblende“ lähmt das Herz des Lesenden. Aber zu oft fehlt die wissenschaftlich-valide Untermauerung des Geschriebenen.

Das Buch lohnt sich als Einstieg in das Thema, um möglicherweise überhaupt erst einmal eine Ahnung von der Vielfältigkeit der Fragestellung zu bekommen. Aber man/frau sollte sich nicht auf diese Quelle beschränken.

Ich empfehle unbedingt Veröffentlichungen weiblicher Autorinnen mindestens ergänzend, wenn nicht sogar alternativ: Barwinski & Wenninger 2018, Lampe & Gahleitner 2017 (die auch gesellschaftliche, ökonomische, soziale Bedingungen in den Blick nehmen), Sanz & Steinhardt 2019 (die die schwierige Arbeit von professionellen Helferinnen in Einrichtungen und die ebenso schwierige Arbeit als Supervisorinnen solcher Helferinnen darstellen). Auch lesenswert ist der Roman von Kloughart 2019, in dem es um das Halten bzw. Trennen von Beziehung geht.

Barwinski, Rosmarie & Wenninger, Gerd (Hg.) 2018 Opfer-Täter-Bindung. Trauma – Zeitschrift für Psychotraumatologie und ihre Anwendungen. 16 (1). Schwerpunktheft.

Kloughart, Josefine 2012/2019 Einer von uns schläft. Berlin: Matthes & Seitz.

Lampe, Astrid & Gahleitner, Silke 2018 Kehren sie immer wieder zum Täter zurück? Mehrperspektivische Überlegungen zum Verständnis der Täter-Opfer-Bindung bei misshandelten Frauen. Trauma & Gewalt 12 (1), 6-12.

Sanz, Andrea & Steinhardt, Kornelia 2019 Wenn ausgesperrte Täteranteile durch die Hintertüre hereinkommen. Supervisorische Arbeit in feministischen Gewaltschutzeinrichtungen. Supervision 37 (4), 42-50.

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